VORTRAG

Krankheit als "unvollendete Schöpfungstat" und biografische Provokation - Der erkrankte Mensch zwischen Chaos, Wandlung und Ordnung
von Prof. em. Dr. Annelie Keil

In der verborgenen Geschichte des Leibes wie der Seele oder des Geistes  geht es um die Rätsel des Lebens, das sich gestaltend und mit der unendlichen Kreativität der Evolution begabt auch in  Krankheit und Gesundheit manifestiert. Krankheit erweist sich darin als „unvollendete Schöpfungstat“ (v. Weizsäcker), als Wegweiser und Zwang zur Vernunft, wird zum Angelhaken  der Erkenntnis für das Leben, dient der entwickelten Orientierung und der schärferen Auseinandersetzung mit dem Leben. Die menschliche Existenz ist eine „pathische Existenz“, Menschsein hat eine Bestimmung, lebt zwischen Freiheit und Notwendigkeit, wird entschieden und erlitten, ist „Müssen, Wollen, Sollen, Können und Dürfen“ wie Viktor von Weizsäcker die „ Modi unseres Erlebens“ nennt. Eine Krankheit gibt es nicht an sich, denn der erkrankte Mensch ist mehr als sein Befund, er ist kein „Fall“, sondern ein „Kasuistisches Original“. Auch eine Gesundheit an sich gibt es nicht, heißt es bei Nietzsche, es kommt auf die Ziele, die Horizonte, Antriebe, Irrtümer und die Phantasmen der Seele an, um herauszufinden, was Gesundheit im Einzelfall bedeuten kann. Ohne Krankheit und Leiden wäre Gesundheit eine Nullnummer und das Leben ohne biografische Spur. „ Die Krankheit selbst kann ein Stimulans des Lebens sein: nur muss man gesund genug für dies Stimulans sein“ (Nietzsche)

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